"Wenn Löwenzahnblüten lügen"

 

Vielleicht habt ihr Lust, das erste Kapitel schon mal zu lesen?

 

"Manchmal kommt es anders

Als der Wecker an diesem Morgen klingelte, ahnte ich nicht, dass es der Tag war, an dem sich mein Leben komplett verändern würde. 30 Sekunden reichten, es in ein Vorher und Nachher zu teilen …

 

Ich knallte mit der flachen Hand auf die Schlummertaste, was mir noch eine Fünf-Minuten-Frist einbrachte. In der alten Kastanie vor meinem Fenster krächzten Elstern. Stöhnend zog ich mein Kissen über die Ohren. Doch, halt! Heute … letzter Schultag! Mit einem Schlag war meine Müdigkeit wie weggeblasen. Schnell drückte ich die Stopptaste, sprang aus dem Bett und schlüpfte ins Bad.

„Habt ihr alle Lehrbücher eingepackt, die ihr abgeben müsst und die Zeugnismappe?“

„Ja, Mum, entspann dich“, antwortete ich mit vollem Mund. Jeden Morgen das gleiche Theater. Was für ein Glück, dass endlich Ferien waren.

„Wie gefällt euch mein neustes Kleid?“ Luisa stürmte herein und drehte sich um die eigene Achse.

„Echt originell, Schwesterherz. Wirst heute mordsmäßig auffallen, nicht nur auf dem Schulhof.“ Ich grinste. Seit ich denken konnte, trug meine ältere Schwester verrückte Klamotten. Schon lange hatte ich aufgehört, mich darüber zu wundern. Aber das hier? Mein lieber Schwan!

„Mum? Dein wertes Urteil?“

„Hm, ja, Luisa, ist es nicht etwas zu kurz und oben zu weit ausgeschnitten? Deine Schulter … Wäre es nicht besser, du würdest Jeans drunter ziehen und oben? Ich weiß nicht.“

„Ach Mummylein, alle laufen so rum. Dieser BH ist extra dafür gemacht, dass man die Träger zeigt. Und hier, schau mal.“ Mit spitzen Fingern hob sie ihr Röckchen hoch und ließ kurze Radlerhosen blitzen.

Mum schüttelte den Kopf.

Luisa strahlte und schwang sich auf ihren Stuhl. „Eins sag ich euch, nächste Woche werde ich ausschlafen, rumgammeln und maximal mit Tina und Beate shoppen und Eisessen gehen.“ Genussvoll ließ sie den Zeigefinger durch das Nutellaglas wandern. Dunkelbraun zog sie ihn wieder heraus. Mum rümpfte die Nase, als meine Schwester theatralisch den Finger abschleckte.

Sofort griff ich zum Glas, feixte und versenkte mein Buttermesser bis zum Grund.

Luisa sprang auf. „Du Ferkel!“, kreischte sie los. „Gib das Glas her! Butter in der Nutella, igitt!“

Mum stöhnte und griff sich an die Stirn. „Ihr bringt mich noch ins Grab.“

„Ne, wir nicht“, meinte ich und lachte. „Wir verhindern nur deine vorzeitige Alterung.“

Sie wuschelte mir durch die Haare. „Und, Luca, was willst du in der Woche vor unserem Urlaub machen?“

„Weiß nicht, Mum. Vielleicht Keyboard üben, statt Klavier?“ Während ich genüsslich mein Brötchen kaute, stellte ich mir vor, wie ich Dad heute Mittag mein exklusives Zeugnis unter die Nase legen würde. Richtig stolz wird er auf mich sein, mir auf die Schultern klopfen, dachte ich jedenfalls. Auch sah ich uns bereits nach dem Pizzaessen zum Musikhaus Schubert fahren, um das Keyboard zu kaufen, dass er mir gestern Abend überraschend versprochen hatte. Hätte es was Schöneres geben können?

Völlig aufgekratzt wollten wir die Wohnung verlassen, da kam Dad aus dem Schlafzimmer und nickte uns kurz zu. Plötzlich richtete er sich auf und donnerte los: „Luisa, so gehst du nicht in die Schule! Du ziehst dich sofort um!“

Wir erstarrten und schielten zu Mum. „Christian, bitte, die Kinder müssen los, sie kommen sonst zu spät.“

„Dann sollte sie sich beeilen mit dem Umziehen! Meine Tochter wird nicht offenherzig wie ein Flittchen herumlaufen!“

Mum schaute Luisa mit traurigen Augen an und biss sich auf die Unterlippe.

„Mach schon“, flüsterte ich. „Keinen Streit jetzt. Denk an Tinas Party. Da willst du doch hin, oder?“

Luisa hatte sich dieses rote Minikleid extra für den letzten Schultag genäht. Oft stöberte sie mit ihren Freundinnen über Flohmärkte und kaufte alte Klamotten. Die zerlegte sie in ihre Einzelteile, mischte sie durch und nähte sie querbeet wieder zusammen. An solchen Tagen ähnelte ihr Zimmer einem Schlachtfeld. Doch in manchen Sachen sah sie richtig cool aus.

Keine zwei Minuten später polterte sie die Treppe herunter. Grußlos knallte sie die Wohnungstür hinter uns zu.

„Warte mal.“ Luisa verschwand im nächstbesten Hauseingang. Grinsend trat sie wieder heraus. Jeans und T-Shirt waren verschwunden, stattdessen trug sie ihr neustes Designerstück.

„Tata!“, rief sie und stieß mir in die Rippen. „Um zwölf an der Ecke?“

„Jep!“ Ich musste lachen.

 

Ben und Anton belagerten bereits die Graffitibank auf dem Schulhof, unseren morgendlichen Treffpunkt. Handfläche, Faust, Handfläche, angedeutete Umarmung links, abklatschen. Diese Begrüßung hatten wir irgendwann mal im Kino gesehen und fanden sie sofort cool.

„Stellt euch vor, ich kriege heute ein Keyboard.“

„Echt? Super!“ Begeistertes Abklatschen.

„Wie schaffst du das nur immer?“ Ben verzog das Gesicht.

„Keine Ahnung, ehrlich. Meine Ellis waren gestern Abend wohl in Geberlaune. Hab von unseren Proben erzählt. Irgendwann mussten sie es ja erfahren, schon wegen dem Keyboard. Bei einem guten Zeugnis kann ich mir eins aussuchen.“

Na, ja, ganz so war es zwar nicht gewesen, aber schließlich kam es auf das Ergebnis an. Dad hatte gestern Abend absolut untypisch für ihn reagiert, als Luisa ihm mit Tinas Party gekommen war. Wir hatten mit einem strickten Verbot gerechnet, oder wenigstens mit heftigen Diskussionen und Bedingungen seinerseits. Doch nichts von alledem. Also habe ich ihm von unseren heimlichen Proben für die Aufnahme in die Schülerband erzählt. Als ich ihm schnell versprach, mein Klavierspiel nicht zu vernachlässigen, versprach er mir prompt ein eigenes Keyboard. Echt seltsam.

Anton knuffte mir derb in die Seite. „Dein Alter lebt gefährlich. Der hat bestimmt keine Ahnung, was er dir da versprochen hat, oder?“

Ben lachte auf.

„Ne, hat er nicht, aber ich.“ Schon lange träumte ich von diesem Yamaha Stagepiano. Ein tragbares, digitales Klavier mit zehn Programmen wäre einfach ideal.

„Eh, Leute“, rief Ben. „Es geht los, wir müssen rein.“

 

Endlich Mittag, Luisa war beinahe pünktlich.

„Los, die Tram!“, rief ich ihr zu, als sie sich von Tina und Beate völlig übertrieben verabschiedete. Weiber, dachte ich, die treffen sich doch gleich wieder zum Knabberzeugkaufen und machen jetzt so ein Affentheater.

„Alles klar bei dir, Kleiner? Du guckst so komisch. Ist was mit deinem Zeugnis?“

„Was denkst du denn, nur eine Zwei, in Kunst. Die Mathenachhilfe mit Jana zahlt sich echt aus“, antwortete ich leicht vergnatzt. Ich mochte nicht, wenn sie mich „Kleiner“ nannte. Schließlich war ich mit meinen fast zwölf Lenzen stets alt genug, wenn sie mich brauchte.

„Na supi, wird dem Alten gefallen.“

„Komm endlich, die Linie 1 steht schon da.“

Schon klappten die Türen hinter uns zu.

„Und, wie sieht deins aus? Jana hat dir doch in Physik geholfen“, fragte ich.

„Eine Drei.“ Sie nickte zufrieden. „Die Jana ist ein echter Schatz. Nicht so altbacken wie Mum.“

Jana hatte vor einem Jahr ihren Master in Architektur gemacht und arbeitete bei Dad im Büro. Zweimal in der Woche kam sie zu uns nach Hause, um uns in Mathe oder Physik fit zu machen, wie sie es nannte. Im Übrigen musste ich zugeben, es machte sogar Spaß. Ben und Anton beneideten mich total, denn sie ähnelte einem Covergirl einer Bravo-Sonderausgabe voller puppiger Cheerleader. Luisa bekam so manchen Modetipp von ihr.

„Haltestelle Thomaskirche, Luca, du träumst!“

 

„Hallo, Frau Bauer“, grüßte ich.

Dad’s Sekretärin balancierte auf einer Leiter. Sie sortierte Akten im oberen Regalfach. Zwischen ihren Lippen wippte ein Blatt Papier. Als sie uns bemerkte, wurde sie leichenblass, ruderte wild mit den Armen und machte Zeichen in Richtung Daddys Büro. Das sah urkomisch aus.

Ich hätte ihrem seltsamen Verhalten mehr Beachtung schenken müssen, aber ich freute mich viel zu sehr auf mein Keyboard. Also fragte ich nur: „Geht’s Ihnen gut?“, und winkte mit meinem Zeugnisheft.

Vorsichtig drückte Luisa die Klinke von Dad’s Bürotür herunter. Sie winkte mich heran und legte den Finger auf ihren Mund.

Ich drängte sie einfach beiseite und gab der Tür einen Schubs.

Wie vom Donner gerührt blieben wir stehen! Mitten im Zimmer standen Dad und Jana fest umschlungen und knutschten sich ab. Als Jana uns entdeckte, umarmte sie Dad umso leidenschaftlicher. Dabei lächelte sie mir zu.

„Oh, du geiles Biest“, zischte Dad daraufhin und ließ seine Hand über Janas Körper wandern.

„Sie ist ein geiles Biest, ja?“, brüllte Luisa los. „Genau das möchte ich bezweifeln! Sag du noch mal Flittchen zu mir, Dad!“

Mit einem Schlag fuhr er herum und starrte uns an.

In meinem Magen wuchs ein riesiger Klops. Am liebsten hätte ich ihn vor seine Füße gekotzt. „Scheiße Dad, wie kannst du nur!“

„Luisa, Luca! Was zur Hölle wollt ihr hier? Raus mit euch!“

„Kannst gleich weitermachen, Daddy. Los, Luca, wir verschwinden. Wir haben genug gesehen.“

Bevor sie mich aus dem Zimmer zerrte, kriegte ich noch mit, wie sich Jana mit einem Grinsen im Gesicht ihre Blusenknöpfe schloss.

Frau Bauer stand neben ihrem Schreibtisch. In ihren Armen klemmte eine dicke Akte. Ihr Gesicht sah traurig aus.

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